← Alle Briefe Brief · 18. Dezember 2023 · 11 Minuten Lesezeit

Tagebuchschreiben, Spazierengehen und mit vertrauten Personen sprechen

Wir haben alles, was wir benötigen, um ruhig und entspannt zu sein, aber wir schaffen es nicht, dies in unserem Leben umzusetzen.

Warum?

Zunächst lohnt es, sich folgende zwei Tatsachen klarzumachen:

  1. Zugang zu Wissen. Im 21. Jahrhundert haben so gut wie alle Menschen Zugang zu Wissen. Noch nie waren Informationen so gut zugänglich, noch dazu gratis; sei es YouTube, Google oder Wikipedia. Dies gilt für sämtliche Bereiche; Karriere, Liebesbeziehung, Psychologie, Kinder, Gesundheit usw.
  2. Zeit ohne Ende. Im 21. Jahrhundert haben wir Zeit ohne Ende (das gilt auch für Eltern mit Kleinkindern). Höchstens müssen wir arbeiten, um Geld zu verdienen, und dafür sorgen, dass wir sowie unsere Kinder nicht verhungern. Ansonsten müssen wir erstmals überhaupt nichts. Alles andere ist selbstauferlegte „Pflicht“.

Sorry, mein Text ist kein Selbstzweck. Sondern vielmehr dazu da, um uns aus der Komfortzone herauszureißen. Ich schreibe „wir“, weil ich genauso unter diesem Komfort leide. Und bisweilen nervt es mich. Daher der sanfte Tritt in den Po 😉

Ich hoffe, dies nimmt mir niemand übel.

Nun, was möchte ich mit den zwei oben genannten Tatsachen sagen?

Dass, erstens vom Bücher lesen und YouTube-Videos schauen, längst noch keine Taten vollbracht werden (wenn auch gute Absichten dahinterliegen). Und zweitens von der ständigen Beschwerde über die Zeit ebenfalls noch keine Taten vollbracht werden (wobei hier nicht von einer guten Absicht die Rede sein kann).

Aber woran liegt das?

Das Problem ist nicht das Problem, sondern die schier unendlichen Problemen

Problem 1: Bei welchem meiner Probleme fange ich an?

Problem 2: Wie lautet meine Wunschlösung?

Problem 3: Wann habe ich Zeit für die Lösung von Problem 1 + 2?

Problem 4: Mir fehlt die Energie, um überhaupt vernünftig nachzudenken.

Problem 5: Ständig kommt etwas dazwischen, ich kann keine fünfzehn Minuten in Ruhe über ein Problem nachdenken.

Das könnte jetzt Stunden so weitergehen. Ich erspare uns das.

Aber immerhin ist dies eine Information. Vielleicht sogar eine Erkenntnisreiche?

Jedenfalls: Wer sich also klarmacht, dass a) sämtliches Wissen stets verfügbar ist, und b) Zeit kein wirkliches Hindernis ist, versteht hoffentlich, in welcher paradoxen Lage wir uns befinden, wenn wir unseren Träumen nicht nachgehen.

Nämlich zu wissen, dass wir es könnten, weil wir theoretisch die Probleme kennen, die wir angehen müssen, es jedoch nicht tun, weil … nun, weil wir nicht beginnen.

Und dadurch leiden wir. Gigantomanisch sogar. Neudeutsch heißt das Prokrastination.

Aber warum machen wir das? Warum schieben wir Dinge teilweise so stark auf, obwohl wir theoretisch wissen, was zu tun ist?

In kurz: Weil die Anzahl Probleme eben schier unendlich ist. Da spielt es keine Rolle, wie „leicht“ ein Problem gelöst werden könnte. Es sind die Tonnen von Problemen, die sich summieren, deren Gewicht wir nicht länger tragen wollen, und können.

Ich verstehe die Schwierigkeit. Denn es sind ernst zu nehmende Fragen, keine abstrakten philosophischen Abhandlungen 🧐

Sollte ich mich erst um meine Schulden kümmern, um mein Date Night mit meiner Frau, oder um mehr Quality Time mit meinen Kindern?

Die damit einhergehende Unsicherheit ist enorm.

Und aus Unsicherheit kann sich Angst entwickeln.

Mache ich jetzt A oder doch B?

Und was ist, wenn C, D oder E die bessere Lösung ist?

Aber ich will doch A, B, C und D!

Alles gleichzeitig, jetzt, sofort, Lösungen für alles.

Wenn wir so denken, kultivieren wir keine Ruhe und Gelassenheit in unserem Leben.

Wir müssen einen Schritt zurücktreten. Und tief durchatmen. Wenn wir dies tun, erkennen wir, dass das größte Problem also NICHT oben genanntes Problem 1 ist: Bei welchem meiner Probleme fange ich an? Sondern, dass wir nicht beginnen, aufschieben ohne Ende.

Denn Fakt ist: Die Anzahl Probleme (Gedanken, Wünsche, Ideen usw.) in unserem Leben werden nie alle verschwinden. Erst recht nicht, wenn wir mit ADHS leben und/oder Kinder haben.

Die Kombination aus Ambition, ADHS und Kinder ist explosiv 🧨

Darum fangen wir einfach an, bevor die Zündschnur … bevor es kritisch wird.

Und womit anfangen?

Egal.

Warum nicht mit der Beantwortung von Problem 1: Bei welchem meiner Probleme fange ich an?

Wir dürfen jedoch nicht erwarten, dass die Lösung perfekt sein wird, geschweige denn, dass alle anderen Probleme damit gelöst werden.

In 10 Rules for Resilience schreibt Joe De Sena Folgendes darüber:

Die Suche nach Perfektion kann einer der größten Bullshit-Erzeuger sein. So viele Menschen verfangen sich in der Idee, dass "wenn es nicht perfekt ist, mache ich es nicht". Sie sehen nicht, dass ihr eigener Wunsch nach unerschütterlicher Perfektion sie festhält. Dr. Lara Spence informierte mich, dass Perfektionismus und Prokrastination stark korreliert sind. Zuerst glaubte ich ihr nicht. Ich dachte, wenn jemand versucht, perfekt zu sein, wird er alles tun, um seine Scheiße erledigt zu bekommen. Aber nachdem ich Dr. Lara Spences Punkt in Betracht gezogen habe, stimme ich zu, dass es völlig Sinn ergibt. Die Suche nach Perfektion verhindert tatsächlich, dass Menschen überhaupt etwas erledigen, weil sie so darauf versessen sind, sicherzustellen, dass ihre Arbeit frei von Fehlern ist. (S. 76)

Auch das könnte jetzt stundenlang so weitergehen.

Allein dieser Text zu lesen, dürfte den einen oder anderen überreizen 🤯

Apropos Überreizung. Neulich habe ich mir eine Notiz mit dem Titel “Digitaler Minimalismus führt zu einer höheren Lebensqualität” gemacht:

Wem es gelingt, grösstenteils auf digitale Medien zu verzichten, dem blüht ein bunteres Leben. Es werden plötzlich Dinge geschehen, denen man zuvor keine Aufmerksamkeit geschenkt hatte. Cal Newport berichtet im Buch Digitaler Minimalismus über eine Erfolgsgeschichte, "er hatte eine ehrenamtliche Tätigkeit nahe seinem Wohnort aufgenommen, er trainierte regelmässig, er las drei bis vier Bücher im Monat, er hatte angefangen, Ukulele zu spielen, und er sagte mir, dass er jetzt, wo sein Telefon nicht länger an seiner Hand festgeklebt sei, seiner Frau und seinen Kindern näher gekommen sei als je zuvor" (S. 44).

Womöglich ist das eines der Probleme. Und eine Vorschau auf das, was noch kommt, wenn du deine Probleme angehst. Mehr dazu später.

Halten wir also bis dahin fest:

Erstens ist Hilfe für alle vorhanden. Sie wird jedoch nicht als solche wahrgenommen, und geht im Lärm der Informationsflut unter.

Zweitens ist Zeit kein echtes Problem, sondern der Fokus auf eine bestimmte Frage (Problem), und deren Beantwortung (Suche nach Lösung).

Mit Betonung auf versuchen.

Zur Erinnerung: Perfektionismus und Prokrastination hängen zusammen.

Finde dein dringendstes Problem und finde Lösungen

Wenn wir uns wünschen, dass es in unserer Familie ruhiger und harmonischer wird, aber nicht dazu beitragen können, dann leiden wir.

Das nennt sich kognitive Dissonanz.

Kognitive Dissonanz ist das Unbehagen bei widersprüchlichen Überzeugungen oder Handlungen.

Wir wollen Ruhe & Gelassenheit, sind aber unruhig und impulsiv.

Ruhe & Gelassenheit fängt bei der Suche nach den größten und dringendsten Problemen an.

Probleme erkennen. Und Lösungen finden.

Aber wie erkenne ich meine Probleme?

Ich schreibe in mein Tagebuch. Das löst Spannungen und gibt Klarheit. Ich stelle Fragen und gebe Antworten.

Das ist kein Wuhuu-buhuu. Sondern die Kraft des Fragen-Stellens und Aufschreibens. Über beides habe ich schon öfter geschrieben.

Ich versuche klar zu benennen, welche Themen mich zurzeit am meisten beschäftigen, und was ich möchte.

Abschweifungen gehören dazu. Das ist auch in Ordnung. Aber dennoch versuche ich mich darauf zu achten, dass ich nicht zu stark abschweife, während ich Tagebuch schreibe.

Ich schreibe also nicht über Finanzen und gleichzeitig über Schreibideen, das passt nicht. Aber vielleicht beginne ich mit den Finanzen, und lande bei meinen Kindern. Oder ich schreibe über mehr Ruhe in meinem Leben, und lande bei meinem Chef. Usw.

Ich hoffe, du verstehst, worauf ich hinaus möchte.

Tagebuch schreiben ist übrigens nicht die einzige Lösung, es ist aber die effizienteste. Es hilft auch, einen Spaziergang zu machen oder mit jemandem, den man kennt, über diese Themen zu sprechen.

Es ist noch besser, wenn du alle drei Dinge zusammen machst: Wenn du unruhig bist, geh spazieren, schreib Tagebuch und sprich dann mit einer Person, der du vertraust.

Ich bezeichne das als das heilige Dreieck, bestehend aus Tagebuchschreiben, Spazierengehen und dem Sprechen mit einer vertrauten Person.

Was ich wirklich sagen möchte: Hole dir Hilfe.

Nicht wenn du kannst, denn das kannst du, wie wir gerade herausgefunden haben, sondern wenn du willst.

Hilfe ist zugänglicher, als wir denken. Hilfe steckt wörtlich in deinen Händen (Tagebuch), deinen Füssen (Spazieren) oder deinem Mund (vertraute Person fragen).

Willst du?

Wenn ja, wie sehr willst du Hilfe?

Und warum überhaupt?

Das sind große Fragen, die ein anderes Mal vertiefter behandelt werden. Heute gehe ich nur kurz darauf ein.

Bei solchen Überlegungen frage ich mich oft: Was steht auf dem Spiel? Meine Liebesbeziehung? Meine Kinder? Gesundheit? Alles zusammen?

Das hilft, um in die Gänge zu kommen. Mehr noch: Wenn du das realisierst, verändert sich dein Leben.

Die Wahrheit ist, dass, wer sich nicht im Klaren darüber ist, was tatsächlich auf dem Spielt steht, wenn die Probleme weiter prokrastiniert werden, der wird sein Leben nicht grundlegend genug verändern können.

Wer Gründe hat, fährt mit losgelöster Bremse.

Mit anderen Worten: Finde starke Gründe, warum du ein bestimmtes Problem lösen musst. Nicht weil du möchtest, sondern, weil du musst.

Was passiert mit meiner Familie, wenn ich meine Impulsivität NICHT in den Griff bekomme; verlässt mich meine Frau; wachsen meine Kinder mit einem schlechten Vorbild auf?

Oder was passiert mit meiner Familie, wenn ich ruhiger und gelassener bin; lacht meine Frau öfter; schreien meine Kinder weniger?

Das ist eine intellektuelle Aufgabe, die dein Bauchgefühl anzapfen sollte. Im Idealfall kitzelt es in deinem Bauch, wenn du an bestimmte Gründe denkst. Das ist ein gutes Zeichen, egal, ob negativ (zB Angst vor Verlust) oder positiv (zB mehr Verbindung zu Kindern).

Jedenfalls ist das meine Erfahrung.

Zurück zum eigentlichen Thema.

Die nächste naheliegende Frage lautet: Wann schreibe ich Tagebuch?

Eine richtige Antwort gibt es nicht. Das heißt, die gibt es schon, ist aber für jede Person eine andere.

Vielleicht hast du Kinder und bist in der Auswahlmöglichkeit eingeschränkt. Und dann kommt womöglich wieder einer dieser Ausreden: zB “Ich habe keine Zeit”.

Beim geringsten Anzeichen an diesen Gedanken (Ich habe keine Zeit) sagst du, “Danke, aber ich habe keine Zeit, keine Zeit zu haben, gute Reise noch …”. Dann gibst du diesem Versager einen Kick in den Allerwertesten und wünscht ihm alles Gute in den Weiten des Universums.

Ernsthaft. Für die allergrößte Mehrheit auf der Welt, und mit Sicherheit gilt das für Mitteleuropa, ist Zeit keine Ausrede. Höchstens reden wir uns das ein.

Weil es so wichtig ist, hier nochmals, was ich zu Beginn unter Tatsache 2 geschrieben habe:

Höchstens müssen wir arbeiten, um Geld zu verdienen, und dafür sorgen, dass wir sowie unsere Kinder nicht verhungern. Ansonsten müssen wir erstmals überhaupt nichts. Alles andere ist selbstauferlegte „Pflicht“.

Also, eine gute Reise, liebe Zeit-Ausrede.

Sorry für die erneute Abschweife, aber dieses Thema ist zu wichtig, und gehört daher in den Kopf gehämmert.

Also, wann Tagebuchschreiben?

Du suchst dir ein passendes Zeitfenster.

Etwa 09:00 bis 09:30, wenn dein Kind zB im Kindergarten ist.

Oder abends, wenn die Kinder im Bett sind.

Mache es dir gemütlich, bereite eine Tasse Tee oder Kaffee zu. Und schreibe dreißig Minuten lang deine Gedanken auf.

Wenn dich dreißig Minuten abschrecken, dann beginne mit zehn, fünfzehn Minuten. Aber BEGINNE!

Selbst wenn du nur kleine Fortschritte respektive wenige neue Erkenntnisse machst, immerhin machst du welche. Jeder noch so kleine Schritt, jede noch so scheinbar kleine Erkenntnis wird deine Nerven schonen.

Zwei Wochen lang täglich 30 Minuten Tagebuchschreiben kann dein Leben verändern. Und zwar massiv.

Bei mir sind Dinge geschehen, an die ich nie geglaubt hätte.

Es kommt nicht selten vor, dass ich gewisse Probleme wochenlang, teilweise sogar monatelang, in meinem Kopf herumtrage, ohne mich mit der Lösung zu beschäftigen. Und sobald ich beginne, Tagebuch zu schreiben, löst sich das scheinbar riesige Problem in Luft aus. Oder es kann schnell und leicht gelöst werden.

Und je öfter dies geschieht, desto öfter wird unser Gehirn nicht nur von Ballast befreit, sondern kehrt auch mehr Ruhe & Gelassenheit in unseren Alltag.

Im nächsten Newsletter werde ich das „Problem“ Zeit ausführlich behandeln.

Und plötzlich sehe ich die Augenfarbe meiner Frau vor meinem geistigen Auge

Oder ich repariere Geräte in Zen-artiger-Ruhe, spätabends.

Oder höre gewissen Menschen aufmerksamer zu, obwohl das, was sie von sich geben, früher niemals meine volle Aufmerksamkeit bekommen hätte.

Womöglich erlebe ich auch mehr schöne Momente mit meiner Familie, mehr Heiterkeit, mehr Konzentration, mehr Präsenz.

Oder allgemeiner:

Die Wahrheit jedoch ist, dass dies vielleicht nicht unmittelbar eintritt. Denn, wenn das angestaute raus ist, muss das erst mal verarbeitet werden. Eine Art Entgiftungskur.

Eine womöglich längst überfällige Notwendigkeit.

Aber wenn wir uns das Tagebuchschreiben zur Gewohnheit machen, dann profitieren wir enorm.

Wie zuvor erwähnt, es hat mein Leben verändert.

Vielleicht siehst du dann auch mal die Augenfarbe deiner geliebten Menschen vor deinem geistigen Auge, und erschrickst, weil du denkst, die Person sei vor dir 😅

Halten wir zum Ende fest: Ruhe & Gelassenheit sind keine Ammenmärchen. Vielmehr ist es ein realistisches Ziel, das wir alle erreichen können, wenn wir uns daran machen, Probleme zu identifizieren, und uns auf die Suche nach Lösungen begeben.

Etwa mit Tagebuchschreiben, das einfach und kostenlos ist.

Stell dir Folgendes vor: Du hast das Tagebuchschreiben zur Gewohnheit gemacht. Und dein Selbstvertrauen in das Meistern von Herausforderungen ist dadurch derart gestiegen, dass du dich sogar darauf freust, in dein Tagebuch zu schreiben!

Und du realisierst: Du bist ein gigantischer Eisbrecher. Nichts vermag dich zu stoppen; keine Kinder, kein schlecht gelaunter Partner, kein mieser Chef, kein ADHS, kein-zu-wenig-Zeit.

Absolut nichts.

Kennst du solche Wochen auch?

Dann lass uns reden. 30 Minuten, zwei Eltern mit demselben Alltag. Oder hol dir den nächsten Brief direkt ins Postfach.

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