Über Rückzug, Präsenz und radikalen Input-Verzicht
Ich brauchte eine Pause.
Darum bin ich ohne Handy, Laptop und Bücher losgezogen, um zwei Nächte in einer Burg zu übernachten.
Es gab keinen besonderen Anlass. Irgendwie war alles zu viel. Andererseits wollte ich schon immer mal untertauchen, nur mir selbst ausgeliefert sein, und in mich kehren, um herauszufinden, was passiert. Es war also ein überfälliges Experiment, das nicht mehr länger aufgeschoben werden konnte.
Ich habe nur das Notwendigste geplant. Als ich von zu Hause losmarschiert bin, spürte ich leichte Aufregung. Jedoch wusste ich nicht, was mich erwarten würde. Würde ich dauerhaft präsent sein können, mich entspannt und frei fühlen? Quasi ohne Verpflichtungen unterwegs, spazierend, meditierend?
Ich war 48h unterwegs, bin gewandert, habe meditiert, gegessen, geduscht und geschlafen. Die einzigen Gespräche, die ich währenddessen geführt hatte, waren spontane Interaktionen mit den Gastgebern sowie Fremden, denen ich auf meinen Spaziergängen begegnete.
Schon bald zeigte sich, dass ich die gesuchte Ruhe fand, was hauptsächlich am intensiven Meditieren lag. Es gelang mir, den Grossteil der Zeit präsent zu sein, sodass mir die zwei Nächte wie zwei Wochen vorkamen. Eine tiefgreifende Erfahrung. Etwas, was ich zuvor noch nie erlebt hatte und ich so schnell auch nicht vergessen werde. Die Erinnerungen daran verursachen ein Kribbeln in meinem Bauch.
Wie es zu dieser Entscheidung kam, während 48h intensiv meditieren zu wollen, kann ich nicht mehr sagen, nur, dass ich sie erst ein paar Stunden vor Abreise getroffen hatte, zum Glück.
Ich wusste, nur so würde ich den Sturm in meinem Kopf tatsächlich bändigen können.
Denn eines war mir klar: Selbst eine 10-wöchige Reise hätte nichts an meinem Zustand der Unruhe geändert. Unterwegs sein bedeutet nicht, zur Ruhe zu kommen. Wahrscheinlich waren es die Erinnerungen an meine Erfahrungen im Umgang mit meinen Gedanken, die mich im Grunde zum intensiven Meditieren zwangen. Dem ging keine grosse Planung voraus, es war eine Entscheidung aus dem Bauch heraus.
Ich entschied mich für drei Meditations-Techniken:
- Labeling-Meditation
- Loslassen-Meditation
- Konzentrations-Visualisierungs-Meditation
Haben die 48h mein Leben verändert? Ja.
War die Veränderung von der Sorte Big Bang? Nein.
Werde ich es wieder tun? Ja.
Löst es alle meine Probleme? Nein.
Besonders gerne erinnere ich mich an die 3 Glücks-Momente.
Spätestens nach dem dritten wusste ich:
Präsenz und Dankbarkeit führen unmittelbar zu Glück.
Glücks-Moment 1
Es war am zweiten Tag, beim Frühstück. Ich war der einzige Gast. Die Gastgeber jedoch hatten ein Buffet aufbereitet, als kämen noch weitere Gäste. Ich nahm mir insgesamt 1h Zeit für das Frühstück. Ohne Input. Nur das Frühstück und ich. Und dann BÄM … spürte ich Dankbarkeit und Liebe und Hoffnung und Glück. Es war wunderschön.
Glücks-Moment 2
Am Nachmittag des zweiten Tages, in einer Kirche. Ich sass alleine, als eine weitere Person hineinkam und nach vorn ging, um eine Kerze anzuzünden. Ich bin mir nicht sicher, ob ich wirklich ein leises Schluchzen hörte oder ob es meine Fantasie war. Jedenfalls spürte ich Mitgefühl. Als wäre ich bei dieser Person, mit dieser Person, im Moment, PRÄSENT. Etwas so Triviales, aber total Magisches.
Glücks-Moment 3
Der dritte Moment war am Abend, ebenfalls am zweiten Tag. Es war 17:00 Uhr. Ich betrete um 16:58 den Essraum und setze mich. Die Gastgeberin serviert auf einem Tablet einen Eisbergsalat mit grünem Apfel, 2 Stück Brot und ein Dessert (veganer Cheesecake) und meint, das Essen sei bereit, es liege dort drüben am Buffet. Zur Erinnerung: Ich befinde mich in einer Burg, mitten im Wald. Bin ich ein Ritter? Kehre ich gerade von einer wichtigen Schlacht zurück? Als ich anfange zu schöpfen, frage ich mich, woher dieses Glücksgefühl rührt, welches ich bereits zum dritten Mal innerhalb von zwölf Stunden mit derartiger Intensität spüre. Ist es verdient? Wovor flüchte ich? Hat es mit totalem Vertrauen zu tun?
Dieser schnelle und leichte Zugang zu Glück hat mich wirklich überrascht. Womöglich gelingt mir dasselbe auch im Alltag … jedenfalls toleriere ich nach meinen Erfahrungen keine Ausreden mehr. Ich habe mir den Beweis erbracht. Präsenz und Dankbarkeit führen tatsächlich und unmittelbar zu Glück.
Ruhe und Glück sind daher keine abstrakten Konzepte, auch keine Wunschträume, sondern mir bekannte Gefühle, die ich abrufen kann.
Allzu kompliziert ist es im Grunde wirklich nicht.
Schauen wir uns Ruhe an. Man könnte behaupten, eine Absicht zu formulieren, genügt, dazu passende Motive zu entwickeln, und dies schliesslich in die Tat umzusetzen. Etwa auf News verzichten (Absicht), der Familie zuliebe (Motiv), und schliesslich einen Plan entwickeln, wie der Verzicht tatsächlich gelingen kann (Umsetzung).
Und los gehts!
Dann kommen die Gedanken. Die Reize. Die Ablenkungen. Kurz: das Leben. Mir passiert das immer wieder.
So leicht ist es also doch nicht.
Was mich zurück zur Meditation bringt. Zur Achtsamkeit, genauer gesagt. Achtsamkeit ist insofern relevant, als ich damit meinen Fokus steuere, und zwar ausschliesslich damit (was ich nicht wahrnehme, kann ich auch nicht verändern). Genau das, was ich beim Meditieren lerne.
In allen drei von mir angewendeten Meditationen (Labeling, Loslassen, Konzentrations-Visualisierung) geht es um Achtsamkeit. Man übt sich darin, die eigenen Gedanken zu beobachten, diese zu lenken und sogar auch hervorzurufen, etwa bei der Konzentrations-Visualisierungs-Meditation.
Wenn mein Körper und mein Geist Stopp! schreien, dann liegt es an mir, eine Pause einzulegen. Ignoriere ich die Signale, zerlegen sie mich.
Das erinnert mich an einen Satz, den ich kürzlich über Schiller gelesen habe:
Er konnte nicht stillsitzen, sondern lief oft im Zimmer umher. Freunde bemerkten, wie angespannt Schiller häufig war und “wie der Geist den Körper tyrannisiert”.
Andrea Wulf, Fabelhafte Rebellen, S. 59
Kann ich nachfühlen.
Erst wollte ich ein 10-tägiges Vipassana-Retreat machen. Das ging aber wegen meiner Kinder nicht. Organisationsschwierigkeiten, weil zu kurzfristig.
Aber ich brauchte die Pause.
Kein Netflix-Chill, sondern ein echter Reset.
Daher entschied ich: 2 Tage > 0 Tage.
Nochmals: Diese 48 Stunden haben nicht alle meine Probleme gelöst (so naiv kann niemand sein). Aber ich konnte mich endlich wieder spüren. Ich fühlte den Tag.
Und das führte dazu, dass ich einige Dinge klarer sah. Im Sinne von: Ich wusste schon lange, dass XY …, aber nun habe ich Gewissheit, dass XY …
Ich suchte also Gewissheit. Um Ruhe ging es gar nicht. Ruhe war ein Mittel zum Zweck. Wie das Tagebuchschreiben zu Erkenntnissen verhilft, oder Mahlzeiten satt macht. Nur wusste ich das nicht. Erst während der 48h wurde mir das allmählich klar.
Ja klar! Gewissheit ist nur in der Ruhe möglich. Jedenfalls, was grosse, schwere Entscheidungen anbelangt. Wie sonst sollte das auch möglich sein? Ich denke nicht, dass grosse Themen unter der Dusche entschieden werden. Gewissheit ist nicht dasselbe wie ein Geistesblitz.
Ehrlich, mir war nicht bewusst, dass ich auf der Suche nach Gewissheit war. Erst im Abstand zu allem dämmerte es mir. Mein Unterbewusstsein musste mich geleitet haben. Vielleicht erinnerte ich mich auch an Montaigne.
Ich weiss nicht, wonach ich ausschaue in der Fremde, aber ich weiss jedenfalls sehr gut, wovor ich flüchte.
Stefan Zweig, Montaigne, S. 75
Gesundheit. Ruhe. Glück. Das alles hat bei mir immer Priorität. Auch während schwieriger Zeiten. Ich bin nicht naiv.
Ein Retreat ist auch in einer Partnerschaft möglich, auch mit Kindern und allerlei Herausforderungen.
Wenn ich mich selbst nochmals überzeugen müsste, würde ich sagen: Tue es. Ziehe dich zurück, ohne Handy, Laptop und Bücher. Einfach nur du mit dir. Mache es nicht zu kompliziert. Ja, recherchiere und plane und strukturiere, aber tappe nicht in die Falle, die dich im Kopf gefangen hält. Max. 1 bis 2 h Recherche. Und dann hopp!
Und wiederhole es alle paar Monate!!
Falls du Inspiration brauchst, hier der Ablauf, wie ich es konkret gemacht habe:
Tag 1
- Wanderung zur Burg (4h)
- Konzentrations-/Visualisierungsmeditation (20 min)
- Loslass-Meditation (20 min)
- Achtsames Abendessen (1h)
- Tagebuch schreiben (20 min)
- Schlafen gehen
Tag 2
- Aufstehen 07:00
- Qigong & Stretching (20 min)
- Duschen
- Konzentrations-/Visualisierungsmeditation (20 min)
- Achtsames Frühstück (1h)
- Spaziergang (90 min)
- Labeling-Meditation (40 min)
- Loslass-Meditation (30 min)
- Tagebuch schreiben (1h)
- Mittagsschlaf (1h)
- Spaziergang (1h)
- Konzentrations-/Visualisierungsmeditation (20 min)
- Loslass-Meditation (30 min)
- Achtsames Abendessen (1h)
- Spaziergang (1h)
- Labeling-Meditation (30 min)
- Konzentrations-/Visualisierungsmeditation (20 min)
- Loslass-Meditation (20 min)
- Tagebuch schreiben (15 min)
- Schlafen gehen 21:00
Tag 3
- Aufwachen 06:00
- Aufstehen 07:00
- Morgenroutine wie Tag 1 (Meditationen + Präsenz)
- Abreise 10:30
- Wanderung nach Hause (3,5h)
- Unterwegs diverse Meditationen
Ob 3 Monate, 10 Tage, 48h, 24h, einen Vormittag, 30 Min. oder einen Augenblick. nutz the time!
Unser Lebensglück liegt in uns. Poster-Spruch des Jahres! Vielleicht stimmt es sogar!!
Ich sehe diese 48h als eine Art persönlichen Lackmustest meiner emotionalen Intelligenz.
Und auch als Spiegel für den Umgang mit meinem inneren Druck.
Oder wie Steven Kotler in The Art of the Impossible schreibt: Das Ziel sollte sein, sich wohlzufühlen, wenn es unbequem wird.
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