Sam Lei.
Brief · Essay · 4 Minuten · 19. August 2025

Kein Burnout. Aber irgendwie doch. 7 Learnings der letzten 12 Wochen

Ich bin müde. Aber nicht wegen eines harten Tages, sondern wegen sechs harten Jahren. Mein Körper hat Stopp gesagt.

Wärmekissen auf dem durchgesessenen Sofa, spätabends, Bauklötze auf dem Teppich
Mein Körper hat Stopp gesagt.

War ich nah dran? Bin ich mittendrin? Oder ist es schon vorbei?

Ich kann es nicht sagen. Kein Burnout. Aber irgendwie doch.

Jedenfalls ein Bandscheibenvorfall. Mein Körper hat Stopp gesagt. STOPP!

Ich war erschöpft. Ich spürte es am ganzen Körper. Vor 12 Wochen hat es begonnen. Und ich hatte einmal behauptet, dass mir so etwas nie passieren wird.

Dazu ein passendes Zitat:

Was uns in Schwierigkeiten bringt, ist nicht das, was wir nicht wissen, sondern das, was wir ganz sicher zu wissen glauben, und was einfach nicht stimmt.

Mark Twain zugeschrieben

Learning 1: Sei nicht naiv und überschätze dich nicht

Ist es nicht verrückt, wie sicher wir uns manchmal in gewissen Dingen fühlen, um im Nachhinein festzustellen, dass wir komplett danebenlagen?

Traue niemals deinen Gedanken, jedenfalls nicht blind. Egal, für wie klug und weise du dich hältst.

Sprich positiv zu dir, ja. Gib dir einen Tritt in den Po, ja. Glaube an dich, sei mutig, mache weiter, ja. Aber glaube niemals, absolute Gewissheit zu haben.

Du weisst nicht alles. Auch nicht über dich. Erst recht nicht alles über dich in der Zukunft.

Learning 2: Reflektiere dein Scheitern. Verinnerliche deine Erfolge.

Nach zwei, drei Wochen war ich derart frustriert, dass ich ernsthaft glaubte, ein Versager zu sein. Und auch wenn ich nicht bewusst so über mich gedacht hatte: Die Wahrheit ist, ich habe mich so gefühlt.

Als ich anfing, genauer hinzusehen, wurde mir klar, dass ich wirklich schlecht über mich dachte.

Nun, das Leben ist ein Spiel; mal gewinnen wir, mal verlieren wir. Das ist eine Tatsache. Entscheidend ist, was wir daraus machen.

  • Scheitern reflektieren, daraus lernen
  • Erfolge verinnerlichen, Emotionen integrieren

Misserfolge sind in gewisser Hinsicht Erfolge. Insofern, als sie uns auf etwas hinweisen. Was hätten wir anders oder besser machen können? Misserfolge lassen uns tiefer blicken und wachsen.

Misserfolge sind auch Erfolge, weil sie bedeuten, dass wir aktiv geworden sind. Ohne Action kein Misserfolg. Und Action ist gut.

Was meine Erfolge anbelangt, so begann ich, meine Erfolge der vergangenen fünf, sechs Jahre aufzulisten. Und siehe da: gar nicht mal so schlecht.

Fühlte ich mich besser? Na ja. Nicht mit einem Fingerschnippen. Ich musste daran arbeiten. Konkret: Ich habe meine Erfolge immer wieder in Erinnerung gerufen, aufgeschrieben, sogar eine Art Urkunde daraus erstellt. Ja, irgendwie lächerlich. Aber es half, teilweise.

Learning 3: Meine Zwangspause hatte nichts mit Motivation zu tun

Motivation fehlte mir nicht. Ich hatte genug Motive. Ich wollte, und ich tat. Genug. Vielleicht zu viel?

Ja, mein Problem war, dass der Tag nur 24 Stunden hat und ich schlicht zu viel wollte. Nicht grundsätzlich zu viel, sondern in dieser Lebensphase zu viel.

Meine Ziele für das zweite Quartal 2025 waren realistisch, meine Pläne und Strukturen solide. Doch meine Lebensumstände führten dazu, dass ich ein paar Gänge zurückschalten musste.

Es war auch nicht so, dass ich Familie, Arbeit und Gesundheit vernachlässigt hatte. Im Gegenteil, überall wollte ich glänzen, ein Vorbild sein, Fortschritte erzielen. Aber manchmal ist es einfach zu viel.

Was mich zum nächsten Punkt bringt.

Learning 4: Finde dein Limit

Jordan Peterson sagt, dass wir irgendwann im Leben mal ans Limit gehen sollen. Im Sinne von: Wie viel hältst du aus? Zwischen 20 und 30 sei ideal, meint er, weil dann am wenigsten auf dem Spiel steht. Wahrscheinlich noch keine Kinder, keine Familie, weniger Verantwortung.

Und dann, wenn du kurz vor dem Burnout bist oder das Gefühl hast, demnächst einen Nervenzusammenbruch zu erleiden, dann weisst du: Ah, okay, hier ist meine Grenze.

Du lernst deine Belastungskapazität kennen. Und kannst Situationen zukünftig besser abschätzen. Praxis vor Theorie.

Ich bin bis zur Geburt meines Sohnes nie an mein Limit gegangen, definitiv nicht. Daher kannte ich auch meine Belastungsgrenze nicht.

Learning 5: Man kann Dinge erzwingen. Aber nicht alles, und nicht um jeden Preis.

Ich hätte weitermachen können. Aber dann hätte meine Familie gelitten. Und das wollte ich nicht.

Im Grunde war es eine einfache Rechnung.

Kann ich meinen Traum (finanzielle Unabhängigkeit) auch in ein paar Monaten oder Jahren fortsetzen? Ja.

Nimmt mein Traum Schaden, wenn er pausiert? Nein.

Nimmt meine Familie Schaden, wenn ich sie vernachlässige? Ja.

Die Frage ist nicht, was ich möchte, sondern was JETZT notwendig ist.

Learning 6: Mentale Erschöpfung ist echt

Ich spüre es jetzt, in diesem Moment. Ich bin müde. Aber nicht wegen eines harten Tages, sondern wegen sechs harten Jahren. 2019 wurde ich zum ersten Mal Vater.

Damals erlebte ich eine Art zweite Geburt. Mein Leben wurde auf den Kopf gestellt. Ich brauchte diesen Tritt. Es war gut. Aber auch schwer, weil ich auf einmal alles wollte. Sofort.

Eine Familie gründen und gleichzeitig das volle Potenzial des eigenen Lebens entdecken und umsetzen wollen. Unglücklicher Moment, sagen wir mal so. Andererseits wäre ich heute nicht der Mensch, zu dem ich geworden bin.

Schon mal vom Eltern-Burnout gehört?

Learning 7: Mehr Yin, weniger Yang

Yang ist nachdenken, arbeiten, hart sein, durchziehen, Gewichte heben, Sachbücher lesen.

Könnte ich das rund um die Uhr? Ja. Wäre das nachhaltig? Nein.

Yin ist spazieren, im Wasser sein, Tee trinken, Yoga, meditieren. Beim Yin geht es ums Loslassen. Nicht perfekt sein wollen. Druck herausnehmen. Mehrere Staffeln auf Netflix schauen, ohne schlechtes Gewissen.

Könnte ich das rund um die Uhr? Ja. Wäre das nachhaltig? Nein.

Es braucht beides. Manchmal jedoch vom einen mehr als vom anderen.

In den vergangenen Wochen habe ich mehr Zeit im Yin verbracht, und es hat mir gutgetan.

Sam
Samuel Lei Vater von zwei Kindern, ADHS spät diagnostiziert.
Ich gehe denselben Weg.

P.S. Willst du wissen, wo du gerade stehst? Der Selbst-Check: 5 Minuten, Ergebnis sofort, ohne E-Mail.

Was du mitnimmst.

01

„Traue niemals deinen Gedanken, jedenfalls nicht blind."

02

„Die Frage ist nicht, was ich möchte, sondern was JETZT notwendig ist."

03

„Misserfolge sind auch Erfolge, weil sie bedeuten, dass wir aktiv geworden sind."

Zum Start: „Sieben Morgen"

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