Disziplin der Disziplin
Neulich habe ich ein inspirierendes Interview gehört, in dem Ryan Holiday über die "Disziplin der Disziplin" sprach.
Das Konzept hat mich beruhigt und zum Nachdenken gebracht.
Aber wie so oft im Leben: Erst muss der Mensch leiden, bevor er etwas verändert.
Ja, ohne leiden ist es gar nicht mal möglich, etwas zu verändern. Emotionen sind also nicht von Grund auf schlecht. Im Gegenteil: Wenn wir traurig, genervt oder überfordert sind, können wir diese Gefühle zu unserem Vorteil nutzen.
Mark Manson schreibt in seinem Buch “Die subtile Kunst des darauf Scheißens”:
So wie dich das Anfassen der heißen Herdplatte lehrt, sie besser nicht noch mal zu berühren, so lehrt dich die Traurigkeit der Einsamkeit, die Dinge, die zu deiner Einsamkeit geführt haben, nicht noch einmal zu tun. Emotionen sind einfach nur biologische Signale, die dich vorsichtig in die richtige Richtung schubsen.
Er führt weiter aus:
Gefühle sind eine Aufforderung zum Handeln!
Wenn das wahr ist, und ich stimme dem zu, dann bedeutet das, dass wir sogar dankbar sein sollten für unser Leiden!
Nach dem Motto: Danke, dass ich in XY leide, sodass ich XY behandeln kann, und damit ich mich weiterentwickeln kann.
Es sind jedoch nicht alle Menschen wach, und sind sich ihrem Problem bewusst. Und noch weniger konfrontieren diese auch.
Wer das Problem jedoch kennt, dies aber nicht in Angriff nimmt, so meint Manson, der leugnet das Problem entweder, oder spielt das Opfer.
Bevor ich jedoch auf mein eigenes Beispiel eingehe, möchte ich vier Dinge an dieser Stelle klarstellen, die mir wichtig sind:
- Wir haben alle unsere Probleme, niemand ist davon gefeit.
- Probleme gibt es in Millionen Formen.
- Ich möchte niemandem vor den Kopf stoßen. Probleme können selbstverständlich an die Knochen gehen (ich behaupte also nicht, dass Menschen mit schweren Erkrankungen dankbar für ihr Leiden sein sollten, obwohl es natürlich auch viele solcher inspirierender Geschichten gibt).
- Wir sollten uns niemals für unsere Probleme schämen, egal welche.
Zum vierten Punkt (und wovon der heutige Newsletter handelt): Mein neulich entdecktes Problem ist irgendwie lächerlich.
Als Holiday im Interview von “Disziplin der Disziplin” sprach, hat es Klick gemacht.
Aber was bedeutet das: “Disziplin der Disziplin”?
Beispiel I: Ich könnte locker täglich um 5:00 oder sogar 4:00 Uhr aufstehen, MUSS mich jedoch zwingen, erst um 06:00 aufzustehen, weil ich sonst zu wenig Schlaf bekomme. Ergo weniger Energie, Geduld, Klarheit usw.
Beispiel II: Ich möchte meinen Trainingsplan durchziehen, damit ich mein Ziel (Traumkörper) erreiche, bin dann aber nicht 100 % fit, und MUSS mich zwingen, ein Training auszulassen.
Beispiel III: Ich muss mich dazu zwingen, pünktlich mit der Arbeit aufzuhören, damit ich rechtzeitig für meine Familie da sein kann, damit ich beim Nachtessen, in der Küche, mit den Kindern helfen kann, OBWOHL ich mir für die Woche zB fest vorgenommen habe, ein bestimmtes Projekt fertigzustellen.
Klingt das soweit nachvollziehbar?
Es gibt Dinge im Leben, die sind enorm wichtig, ohne Wenn und Aber.
Aber es gibt Dinge, die sind IMMER wichtiger.
Schlaf gehört definitiv dazu, nicht weil ich möchte, sondern weil ich muss.
Familie gehört definitiv dazu, nicht weil ich muss, sondern weil ich möchte.
Mein Problem: Nachdem ich über dreißig Jahre meines Lebens "geschlafen" habe, habe ich nun das extreme Bedürfnis, 20 Stunden am Tag zu arbeiten, weil ich fürchte, sonst nicht das erreichen zu können, was ich mir vorgenommen habe.
An und für sich ist das nicht mal schlimm.
Das wirkliche Problem sind nicht die Wünsche, sondern die Tatsache, dass der Tag nur 24 Stunden hat.
Es ist eine Frage des Werte-Systems.
Ich denke, im Kern geht es darum, geduldig zu sein, weil man kurzfristig nicht leiden möchte/sollte, während man seine langfristigen Visionen und Ziele trotzdem im Auge behält.
Es ist auch eine Frage der Balance.
Was daran lächerlich ist?
Ist mein Problem überhaupt ein Problem?
Ja, offensichtlich ist es eines, weil sonst würde ich ja nicht darüber schreiben. Aber ist das nicht ein Ultra-Luxus-Problem der ersten Welt, der ersten Welt … ?
Ja, ist es.
Aber macht nichts. Es ist (m)ein Problem.
Problem ist Problem.
Ich habe meines, du hast deines.
Das ist ein Fakt. Herummeckern bringt nichts.
Bewusst machen.
Akzeptieren.
Und handeln!
Was mir bei der Balance hilft, ist der ganz persönliche Traum-24-Stunden-Tag. Er dient als Kompass, wo man sich immer wieder orientieren kann. Das hilft definitiv.
Apropos definitiv: Was ich definitiv nicht möchte, ist, in einem “hedonistischen Hamsterrad” festzustecken, wie Psychologen es nennen. Nämlich alles für ein besseres Leben zu geben und ständig daran zu arbeiten, während man sich trotzdem nie besser fühlt.
"Disziplin der Disziplin" ist ein wertvolles Tool dafür.
Zu Beginn habe ich geschrieben, dass mich "Disziplin der Disziplin" beruhigt hat. Also, was hat mich denn nun konkret beruhigt?
Vor allem die Tatsache, dass es gewisse Dinge gibt, die über allem stehen; zB Schlaf oder Familie; wenn ich zu wenig schlafe, bin ich weniger leistungsfähig, schneller reizbar usw.; wenn ich mich nicht um meine Familie kümmere, dann stehe ich als alter Mann vielleicht allein da. Usw.
Ausnahmen sind selbstverständlich nicht das Problem. Flexibilität ist sogar wünschenswert.
Ein Problem ist es aber, wenn aus einer Ausnahme eine Gewohnheit wird.
Darum macht “Disziplin der Disziplin” Sinn.
Weil ich die Disziplin haben muss, über meine Disziplin zu urteilen.
Ich hoffe, ich konnte mich verständlich artikulieren!
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